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Modellfiguren

  1. Herstellung

  2. Bemalung

  3. Platzierung

 

 

Je wirklichkeitsgetreuer ein Modell ist, desto mehr vermisst das Auge Menschen, ohne die dem ganzen Schiff Leben und allen Gegenständen an Bord Sinn und Bezugsgrösse fehlen. Auch Tiere wie Katzen, Hunde, Möwen oder eine versteckte Ratte können einem Modell eine persönliche, lebensnahe Ausstrahlung verleihen.

Leider trauen sich manche Modellbauer nicht, selbst Figuren herzustellen. Andere wieder glauben, das Problem umgehen zu können, indem sie Fertigfiguren aufkleben, die - selbst wenn sie durch grausame chirurgische Eingriffe abgeändert worden sind - leider nur allzu oft aufdringlich ins Auge springen und nicht selten den Eindruck eines ganzen Modells beeinträchtigen, weil sie nicht passen in Massstab, Stil, Stellung, Farbe oder Material.

Deshalb möchte ich im Folgenden zeigen, wie sich mit einfachen Mitteln Mannschaften nach eigenen Vorstellungen anfertigen lassen, und auch einige Anregungen geben, wie die Figuren lebensnahe, unaufdringlich und doch wirkungsvoll auf dem Schiff platziert werden können.

 

Herstellung

Unter den vielen möglichen Methoden wie Schnitzen aus Holz, Formen aus Modelliermasse und anderen habe ich für Massstäbe von 1:12 bis 1:48 mit folgendem Vorgehen gute Erfahrungen gemacht:

Da die Wirkung einer Figur in erster Linie von ihren Proportionen, ihrer Stellung und ihren Gesten abhängt, forme ich zu Beginn aus Kupferdraht ein einfaches Skelett mit den korrekten anatomischen Verhältnissen (Abb. 1 zeigt die relativen Längen der Glieder von Gelenk zu Gelenk in Dezimalbrüchen der Gesamthöhe). Handflächen - und wo nötig auch Fusssohlen - aus Kupferblech werden so angelötet, dass das Ende des Drahtes den Daumen bildet. Damit kann eine Hand - in geeigneter Weise zurecht gebogen - einen Gegenstand fassen oder umgreifen. Auch das übrige Drahtskelett lässt sich nun leicht in jede gewünschte Stellung bringen und direkt am Modell der künftigen Position und Tätigkeit der Figur anpassen. Jetzt löte ich unten ein oder zwei steife Drahtstücke an (z.B. Messing), welche - eingesteckt in am Modell eingelassene Röhrchen - den Figuren festen Halt geben werden. Anschliessend wickle ich dünne Schnur oder Faden um das Drahtskelett und verleihe dadurch Rumpf und Gliedern die gewünschte Fülle.

Abb. 1

Aufgesteckte und aufgeklebte Klötzchen aus Polystyrol-Hartschaum verwandeln sich durch wenige gezielte Schnitte mit dem Skalpell zu Köpfen mit Gesichtern (Abb. 2). Hierbei ist es wichtig zu beachten, dass die Augen genau auf halber Höhe des Kopfes liegen. Aehnlich lassen sich auch Schuhe oder Stiefel herstellen. Mit etwas Leim (z.B. UHU coll) glätte ich die Oberflächen oder modelliere durch gezieltes Auftragen mittels einer Nadel Hände/(Füsse), Lippen, Augenbrauenwülste, Ohrmuscheln, Knöpfe und vieles mehr. Lackspachtel eignet sich ausgezeichnet für Mützen (Schilder aus dünnen Aluminiumblech) und Hüte oder lässt sich mit einer Nadel gut zu Frisuren und Bärten ausziehen.

Zur Anfertigung der Kleider sollte nur bei sehr grossen Figuren Stoff verwendet werden, da Gewebe sehr leicht zu grob wirkt. Für den Massstab 1: 24 bis 1:32 hat sich Maler-Abdeckband bestens bewährt; es lässt sich leicht anpassen, mit einer Pinzette zu natürlichen Falten ziehen und erlaubt auf einfache Weise, sogar Säume, Manschetten und Taschen aufzusetzen. Wenn es bemalt ist, sieht es mit seiner leicht gekreppten Oberfläche erstaunlich echt aus. Da der Klebstoff von Malerabdeckband elastisch bleibt, empfehle ich, die Kanten mit Sekundenkleber festzusetzen, um ein Verschieben unter Wärmeeinfluss (Sonne!) auszuschliessen.

Anregungen zur Gestaltung von Figuren aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart lassen sich beim exakten Studium von Photographien gewinnen. Für Figuren aus älteren Epochen muss auf zeitgenössische Bilder und Stiche zurückgegriffen werden. Eine gute Auswahl von Abbildungen betreffend das 17. bis frühe 19. Jahrhundert findet sich z.B. in Büchern wie "Alle Hens" von A. Zuidhoeck oder etwa "Hommes et Navires au Cap Hoorn" von J. Randier (siehe Literaturliste).

 

Bemalung

Zum Bemalen hat sich - wie von meinem Freund Eduard Bannwart empfohlen - Aquarellfarbe bestens bewährt. Besonders gut gelingt es auf einer satten Grundierung mit Deckweiss. Mit Wasserfarbe können die feinsten Schattierungen erzielt werden; sie lässt sich auch einfach mit einem feuchten Pinsel wieder abnehmen, was nicht nur Korrekturen, sondern auch lasierende Effekte erlaubt. Zum Schluss wird das Ganze mit mattem Lack wisch- und wasserfest fixiert.

 

Obschon sich Farben in Wirklichkeit zufällig treffen, scheint es mir wichtig, bei der Farbwahl für Modellfiguren darauf zu achten, dass sich die verschiedenen Töne unauffällig ins Gesamtbild des Modells einfügen, damit nicht einzelne Figuren herausstechen wie bunte Papageien im Zoo. Bei Modellen älterer Zeit ist ohnehin zu bedenken, dass bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nur Naturfarben bekannt waren (Altweiss, Grau und Schwarz oder eher dumpfe/blasse Töne von Ocker, Braun, Rot, Grün oder Blau).

 

 

Platzierung

Damit sie sich realistisch in eine Decksszene einfügen, sollte allen Figuren eine bestimmte Tätigkeit zugedacht werden. Dadurch lassen sich auch Funktion und Gebrauch verschiedener Deckseinrichtungen veranschaulichen. Es ist dabei vorteilhaft, sich einen bestimmten Zustand des Schiffes (z.B. kurz nach dem Auslaufen) vorzunehmen, damit die dargestellten Szenen auch sinnvoll scheinen.

Meist wirkt es natürlicher, wenn nicht alle Figuren gleichmässig über das ganze Schiff verteilt sind. Oft lassen sie sich sogar im Teamwork anordnen. Schliesslich sollte man aber - bei aller Freude am Formen von Figuren - immer die Gesamtzahl der Mannschaft im Auge behalten; gerade Segler um 1900 sind oft mit erstaunlich kleinem Bestand gefahren worden.

Auf schwimmfähigen Segelschiffsmodellen empfiehlt es sich zudem, den Figuren nach Möglichkeit eine Stellung zu geben, in der sie sich anlehnen oder zumindest festhalten können, oder noch besser, ihnen eine sitzende oder kauernde Position zu verleihen, da sonst ihre Schräglage bei wechselnder Krängung ziemlich unnatürlich wirkt. Die folgenden Abbildungen mögen dazu einige Anregungen geben.

 

Schluss

Wer es wagt, Figuren selbst anzufertigen, erlebt, wie viel Spass und welche Befriedigung damit verbunden sind. Im Gegensatz zu den meisten Schiffsteilen, deren Formen und Dimensionen durch Plan und Massstab weitgehend festgelegt sind, erlaubt diese Tätigkeit grosse gestalterische Freiheit. Die Nachforschungen nach geeigneten Vorbildern vermittelt aber gleichzeitig auch vertiefte Einblicke in die Tätigkeit von Offizieren, Matrosen sowie von Segelmacher und Schiffszimmermann und mehrt unmerklich die eigenen Kenntnisse über das Leben an Bord und das Seemannshandwerk.

Sorgfältig selbst hergestellte Figuren verleihen einem Modell zudem eine persönliche, lebendige Ausstrahlung. Geschickt platziert, verstärken sie die Illusion der Wirklichkeit, verdeutlichen als natürliche Bezugsgrösse den Massstab und helfen oft mit, manche Decksarbeiten und den Einsatz gewisser Schiffseinrichtungen erst verständlich zu machen.

(Weitere Aufnahmen von Modellfiguren finden sich im Photoalbum)

Franz Amonn, 1999

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